Rund zehn Sekunden bevor der Mensch eine Handlung plant, hat sein Gehirn die Vorbereitung dazu schon begonnen, ohne dass ihm dies bewusst wird.
Unbewusstes im Kernspin sichtbar gemacht
Das ist kurz zusammengefasst das Ergebnis einer Studie, die eine Forschergruppe um John-Dylan Haynes am Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie des Bernstein Zentrums für Computational Neuroscience Berlin kürzlich durchgeführt haben.
Die Versuchspersonen lagen in einem Kernspintomografen. Sie sollten entweder die rechte oder die linke Hand heben – nach eigener Wahl.
Die Probanden beobachteten bei der Untersuchung eine Abfolge wechselnder Buchstaben. Sie sollten sich den Buchstaben merken, der in dem Moment eingeblendet wurde, in dem sie den Entschluss zum Heben der Hand fassten. Dadurch war es den Wissenschaftlern möglich, festzustellen, zu welchem Zeitpunkt der Versuchsperson ihr eigener Wille bewusst wurde.
Zehn Sekunden vor dem bewussten Entschluss: Das Gehirn hat schon entschieden
Das erstaunliche Ergebnis der Studie: Schon sieben Sekunden vor dem bewussten Entschluss konnten die Forscher Hirnaktivitäten in bestimmen Gehirnzentren feststellen, die der Vorbereitung der Handlung dienen. Da die Kernspintomografie die Aktivität dieser Zentren erst drei Sekunden später nachzuweisen erlaubt, kommt man auf zehn Sekunden Vorlaufzeit.
Ist der freie Wille seit Benjamin Libet tot?
Der amerikanische Physiologe Benjamin Libet kam schon in den 1970er Jahren zu ähnlichen Ergebnissen Nur hatte er keinen Kernspin zur Verfügung, sondern nur ein EEG und die Zeitspanne zwischen erster Hirnaktiviät und bewusstem Entschluss wurde nicht mit sieben sondern nur einer halben Sekunde gemessen.
Die Arbeiten von Libet wurden oft kritisiert und viel diskutiert, aber keiner wagte sich, sie zu wiederholen, zu wiederlegen oder zu bestätigen.
Nicht wenige schlussfolgerten aus den Versuchen Libets, der freie Wille des Menschen existiere in Wirklichkeit nicht, sei nur eine Vorspiegelung des Gehirns.
Weder Benjamin Libet noch sein Kollege John-Dylan Haynes glauben allerdings, dass ihre Experimente die Existenz des freien Willens widerlegen. Immerhin, sagte Libet, wird uns trotz unbewusster Vorbereitung die Handlung vor ihrer Ausführung bewusst und wir können sie daher noch rechtzeitig stoppen. Wenn das Gehirn nicht (auch) unbewusst reagieren würde, wäre es mit der Integration unserer Wahrnehmung und Ausführung unserer Handlungen hoffnungslos überfordert, sagt Haynes.
Dass unser Gehirn unsere Handlungen unbewusst vorbereitet, sei genau besehen keine neue Erkenntnis: Schon seit langem sei klar, daß die Mehrzahl der Sinneseindrücke und alltäglichen Handlungen völlig unbewusst ablaufen.
Libet starb im hohen Alter von 91 Jahren in Kalifornien. Noch ein Jahr vor seinem Tod erklärte er das Bewusstsein zur völlig ungelösten Frage. Am ehesten sei es eine Eigenschaft der belebten Natur, aber wir könnten nicht wissen, wie und warum die Natur diese Eigenschaft hervorbringe – genau so wenig wie wir wissen, warum die Materie Schwerkraft erzeugt.
Links
Pressemitteilung der Max Planck Gesellschaft: Unbewusste Entscheidungen im Gehirn


Eine uralte Frage der Philosophie! Ich wage garnicht, darüber nachzudenken, welche Auswirkungen diese auf die Rechtsprechung hätte! Wie könnte man jemanden verurteilen, wenn dieser garnicht verantwortlich für seine Handlungen wäre – sondern nur ein biochemischer Prozess in seinem Hirn ? Letztlich brächte man uns als Hausärzte auch not mehr, ein Computerprogramm würde uns voll ersetzen!
In welchen Umfang Haynes das Libet-Experiment erweitert ist schon beeindruckend. In der Tat scheinen ja Hirnforscher wie Gerhard Roth oder Wolf Singer den freien Willen zu leugnen. Dennoch scheint mir die Frage nach der Freheit eigentlich keine Frage der Naturwissenschaften zu sein. Selbst wenn Haynes betont, dass er daran arbeite auch zu messen, ob seine Probanten sich doch noch umentscheiden kurz vor der Handlungsauslöung umentscheiden würden, so handelt es zumindest momentan noch um rein motorische Entscheidungen und mit nicht um die komplizierten Vorgänge im Gehirn, etwa bei der Beurteilung komplexer Situationen oder gar ethischen Wertentscheidungen. Dennoch, auch hier sind wieder erneut an einem wissenschaftlichen Scheidewege angelangt. Schließlich geht es um die Frage, ob die Wissenschaft den Menschen heilen oder unterdrücken möchte. So in etwas sagte es Eugen Drewermann auf einem Vortrag in Stuttgart.
Das Libet-Experiment und die Fragen, die sich daraus ergeben, sind sicherlich eine der spannensten Fragen in der Medizin. Aber ob Begriffe wie “Wille”, “Schuld”, “Verantwortung” usw. damit obsolet sind, wage ich zu bezweifeln. Sowohl die Idee des Freien Willens als auch, das Konstrukt Schuld oder gar unser Rechtssystem sind letztlich menschliche Ideen. Geformt von eben diesem Gehirn, dem bei diesen Experimenten ins Getriebe geschaut wird. Deshalb scheint es innerhalb dieses Rahmens schon in Ordnung, wenn man nach wie vor die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Der Freie Wille, wie er von den Philosophen oft etwas akzentuiert dargestellt wird, wurde schliesslich schon vorher sehr oft in Frage gestellt.
Genauso akzentuiert ist es, davon zu sprechen Singer und Roth würden den Freien Willen leugnen. Sie stellen eine Menge interessante Fragen, aber ich denke nicht, dass man von leugnen reden kann, wenn man das Kleingedruckte zu ihren Ausführungen gründlich liest.