Übergewichtige Menschen, also solche mit einem BMI zwischen 25 und 29,9 kg/m², leben länger als normalgewichtige Menschen (BMI zwischen 18,5 und 24,9). Dies ergab eine große kanadische Studie in diesen Tagen.
Untersucher der Studie befragten 11.000 Kanadier im Rahmen einer großen nationalen Gesundheitsstudie. Den erwachsenen Probanden, alle älter als 25 Jahre, wurden neben anderen auch Fragen zu Körpergröße und Gewicht gestellt. Die Sterbedaten wurden dem offiziellen kanadischen Sterberegister bis zum Jahr 2006 entnommen.
Untergewicht und extreme Adipositas verkürzen das Leben
Die Forscher fanden das größte Sterberisiko bei den Untergewichtigen (BMI unter 18,5) und bei den extrem Adipösen mit einem BMI über 35 kg/m² (= Adipositas Grad II). Die Adipösen mit einem BMI zwischen 30 und 35 (= Adipositas Grad I) lebten dagegen genau so lange wie die Normalgewichtigen.
In Zahlen fiel der Vergleich zu der Gruppe der Normalgewichtigen folgendermaßen aus: Die Untergewichtigen hatten ein um 70 % erhöhtes Sterberisiko, bei den extrem Adipösen war dieses Risiko um 36 % erhöht, die Übergewichtigen (BMI zwischen 25 und 29,9) konnten sich über ein um 17 % verringertes Risiko freuen.
Ein ähnliches Ergebnis hatte eine Studie aus den USA ergeben, die bereits 2005 in der amerikanischen Fachzeitschrift JAMA veröffentlicht wurde. (Hier gibt es diese Studie als PDF-Datei in Englisch.)
Kein Freibrief für Völlerei
Diese neuen Erkenntnisse sind aber für Normalgewichtige kein Anlass, ein paar Pfund zuzulegen, um länger leben zu können. Die Statistik hat ihre Tücken: In beiden Untersuchungen wurde nur nach Größe, Gewicht und Sterbedatum gefragt. Das besagt nichts über die Krankheiten, die die Übergewichtigen im Vergleich zu Normalgewichtigen plagen. Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und Arthrose – alles dies sind Krankheiten, die durch Übergewicht gefördert werden. Ein ehemals Adipöser oder Übergewichtiger nimmt ab, wenn er an Krebs oder Diabetes erkrankt; bevor er (vorzeitig) stirbt, ist er zunächst in der Gruppe der Normalgewichtigen, kurz vor seinem Tod häufig sogar in der Gruppe der Untergewichtigen zu finden.
Möglicherweise spielt auch die bessere medizinische Versorgung eine Rolle: Diabetes und Bluthochdruck können heute effektiv behandelt werden, sicher verlängert dies das Leben der Patienten mit ein paar Pfunden zuviel.
Oder stimmt doch die Vermutung, dass Übergewichtige im Falle einer ernsthaften Erkrankung ein paar Pfunde „zusetzten“ können, leben Moppelchen dadurch länger?
Fragen über Fragen, die neue Studien geradezu herausfordern. Insbesondere sollte der Zusammenhang zwischen Übergewicht und den Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Co. besser herausgearbeitet werden.
Quellen
National Population Health Survey (NPHS)
Deutsches Ärzteblatt, Studie: Übergewicht verlängert das Leben


Eine bescheidene Frage:
wann wurde das Gewicht denn gemessen zur Einteilung in welche „Gewichtsklasse“ man kam?
Ein großer Anteil der Patienten, die an einem Malignom versterben ist zum Zeitpunkt des Todes normal- oder untergewichtig. Einfach dadurch, dass Tumorleiden oft zu erheblichen Gewichtsverlusten führen.
Also selbst Leute, die quasi einen Großteil ihres Lebens viel zu dick waren, sind oft dann beim Sterben normal- oder gar untergewichtig.
Könnte das nicht ein erhelbicher Bias der Studie sein?
Na klar kann das so sein. Ich sehe auch keine Möglichkeit, diesen Fehler auszuschalten.
Aber auf welcher Grundlage empfehlen wir unseren Patienten ein bestimmtes Gewicht? Die Zahlen beruhen zum größten Teil auf den Zahlen der Lebensversicherer, wenn es einen Fehler gibt, dann gibt es ihn auch dort.
Jetzt scheint sich das Gewicht mit der größten Lebenserwartung nach oben verschoben zu haben. Die Gründe kennen wir nicht, wir können nur spekulieren.
Auf jeden Fall können wir bei mäßigem Übergewicht schon mal ein Auge zudrücken – vorerst. Vielleicht wissen wir bald mehr.
Oh je. Und ich merke mit meinem Asthma jedes Kilo …
glücklicherweise bin ich nicht übergewichtig.
Viele Grüße
H.